Leseprobe aus: „Der gefährliche Nachmittagsritt“ von Jón Svensson

Nonni und Manni stromern durch die Weite der Natur, wie sie es so gern tun. Heute haben sie sich vorgenommen, den höchsten Berg in der Umgebung zu erklimmen. Als sie schon eine ganze Weile unterweg sind, merken sie, wie ihnen die Beine langsam schwer werden – und sie haben noch ein ganzes Stück vor sich, wenn sie tatsächlich den Gipfel erklimmen wollen. Da hat Manni eine Idee:

„Ich glaube, wir sollten uns ein Reitpferd aussuchen. Auf der Wiese dort nach links stehen ja mehrere schöne Pferde.“

Der gefährliche Nachmittagsritt
in: „Nonni auf Island, Verlag HerderFreiburg im Breisgau 1980, S. 126

Ich ging gleich auf seinen Vorschlag ein, und so begaben wir uns nach der blühenden Wiese zu unserer linken Hand, um uns dort ein Reitpferd zu verschaffen.

Es standen etwa ein Dutzend junge, kräftige Pferde dort. Auch ein paar Goldfüchse und Stahlgraue darunter.

Die Stahlgrauen wurden damals auf Nord-Island als die besten Pferde angesehen, die Goldfüchse aber als die feurig­sten und schönsten.

Wir schauten uns die prächtigen Tiere einige Augen­blicke an und erkannten sie bald.

„Das sind ja die Pferde des Herrn Amtmann Hafstein, Manni.“

„Ja, richtig. Das ist aber ein Glück für uns, Nonni, denn der Amtmann hat uns erlaubt, auf seinen Pferden zu reiten, soviel wir wollen.“

„Sollen wir nicht dieses da nehmen?“ rief Manni bald aus, indem er nach dem kleinsten der prächtigen Gold­füchse mit der Hand zeigte. „Er sieht so flink und so nett aus.

„Du hast recht, Manni. Ich glaube, es ist wirklich das feinste von allen, die hier sind.“

„Es scheint auch sehr kräftig zu sein“, sagte Manni.

Das bezeichnete Pferd stand etwas abseits von den an­dern und graste dort in aller Ruhe für sich allein. Manni hatte recht: es war ungewöhnlich klein und niedlich, sah aber doch sehr stark aus.

„Jetzt aber vorsichtig, Manni, sonst läuft es uns davon.”

Bedächtig und langsam bewegten wir uns in einem Bo­gen um die Pferde herum und gelangten bald nach der Seite, wo der schöne Goldfuchs graste.

Der gefährliche Nachmittagsritt
in: „Nonni und Manni“, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2008, S. 49.

„Jetzt bleib hier“, flüsterte ich dem Kleinen zu, „wäh­rend ich nach der andern Seite des Goldfuchses gehe. Dann fangen wir beide zu pfeifen an und bewegen uns gleich­zeitig zu ihm hin.“

Manni, der diese Kunst, die isländischen Pferde einzu­fangen, genau kannte, nickte mir verständnisinnig zu.

Dann ging ich in einem weiten Bogen um das Pferd herum, bis ich Manni gegenüber an der entgegengesetzten Seite stand.

Jetzt breiteten wir die Arme aus und näherten uns lang­sam unserer nichts ahnenden Beute.

Gleichzeitig fingen wir zu pfeifen an, anfangs ganz leise, dann stärker und immerfort in demselben Ton.

Bald wurde das Tier auf uns aufmerksam, hörte plötz­lich mit dem Grasen auf, hob den Kopf, blickte bald nach Manni, bald nach mir hin und wurde unruhig. Es schien fortlaufen zu wollen und machte sogar ein paar Schritte vorwärts.

Sofort piffen Manni und ich noch kräftiger als vorher. Das wirkte.

Der Goldfuchs blieb auf einmal stehen, spitzte die Ohren, schaute nach vorn und nahm eine ganz unbewegliche Hal­tung ein. Sein Körper schien plötzlich starr und steif zu wer­den. Er war wie verzaubert.

Wir verloren ihn nicht einen Augenblick aus den Augen und fuhren fort, immer auf dieselbe Weise zu pfeifen, in­dem wir uns ihm mit der größten Vorsicht näherten.

Als wir ihn endlich erreichten, legte ich ihm sanft die Hand auf die Mähne.

Jetzt war er gefangen. — Und mit einem Male war auch der Zauber gebrochen, und wir konnten nun mit dem Pfei­fen aufhören.

Der gefährliche Nachmittagsritt
in: „Nonni und Manni“, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2008, S.35
Textauszug aus:"Der gefährliche Nachmittagsritt", in: "Auf Skipalón" von Jón
Svensson, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1950, S.126 ff. 

Die Nonn-Bücher sind leider nur noch als Secondhand-Exemplare in Online-Buchshops erhältlich.
Das einzige Nonni-Buch, das noch gedruckt wird, ist der Titel „Wie Nonni das Glück fand“. Man kann es in guten Buchhandlungen bestellen, der Verlag heißt SJM. Außerdem gibt es 3 Nonni-Biografien. Die ZDF-Weihnachtsserie von 1988 (auf DVD) zeigt sehr schöne Landschaftsaufnahmen und gibt einen Einblick in das Leben auf Island im ausgehenden 19. Jahrhundert – eine authentische Biografie ist sie jedoch nicht.
Auch die acht Nonni-Hörbücher (sieben vom Verlag Petra Kehl, eins vom Bonifatiuswerk) sind spannende Nacherzählungen einiger Nonni-Abenteuer.

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