Jón Svensson – kleiner Einblick in sein Leben

Zum 75. Todestag von Jón Svensson – Teil 2

Spätestens seit dem Erscheinen der umfangreichen Biographie von Gunnar F. Gudmundsson, 2012 auf Isländisch und 2017 in deutscher Übersetzung,  wissen wir, dass die Welt des realen Nonni keineswegs so heil war wie die seiner Bücherwelt.

Jón wurde 1857 auf Möðrudvellir in Hörgárdalur als Sohn eines Amtssekretärs  geboren. Schon zur Zeit seiner Geburt war die Lebenssituation der Familie äußerst schwierig. Die lebensfeindlichen Bedingungen an der rauen Küste Nordislands machten der Familie ebenso zu schaffen wie die instabile Persönlichkeit des Vaters, der sich in verschiedenen Arbeitsverhältnissen versuchte und immer wieder scheiterte. Dafür waren Ungerechtigkeiten seiner Vorgesetzten,  seine schwache Gesundheit, aber auch die Sucht nach Genussmitteln wie Alkohol und Tabak verantwortlich, die zu einem stetig anwachsenden Schuldenberg führte, der bald schwer auf der Familie lastete.

Drei von insgesamt acht Kindern mussten Nonnis Eltern begraben. Von diesen Schicksalsschlägen erholten sie sich nie vollständig.

Als die finanzielle Situation sich weiter zuspitzte, wurde Nonni in eine weit entfernte Pflegefamilie gegeben, was damals auf Island durchaus üblich war. Dort litt er sehr unter der Strenge seines Pflegevaters und am Heimweh nach seinem Zuhause.

Doch seine seltenen Besuche dorthin führten ihm nur die verzweifelte Situation seiner Familie vor Augen. Als  der Vater schließlich mit 48 Jahren verstarb, hinterließ er seine Witwe mittellos mit vier Kindern.  Deshalb drängte diese auch ihren Sohn, das Angebot eines französischen Gönners anzunehmen, der plötzlich auftauchte und versprach, ihm eine Ausbildung in Europa zu finanzieren.

Dass der französische Adlige der Bücherwelt  ein Jesuit  und das Stipendium sicher Teil eines Programms zur Rekatholisierung Skandinaviens war, ist eine von vielen Abweichungen zwischen  Romanwelt und Realität.

Mit dreizehn  Jahren konvertierte Jón zum katholischen Glauben, auch trat er dem Jesuitenorden bei. Er war der erste Isländer nach der Reformation, der zum katholischen Priester geweiht wurde.

Nie wurde er jedoch dauerhaft in seine Heimat entsandt, um dort im Dienste der katholischen Kirche zu wirken, was er sicher immer insgeheim gehofft hatte.

Was es für ein zwölfjähriges Kind in der damaligen Zeit bedeuten musste, aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen zu werden und in Begleitung eines Fremden die gefährliche Reise über den Atlantik  in ein völlig fremdes Leben aufzubrechen, mag man nur erahnen.

Seine Mutter, an der er sehr hing, sah er nie wieder. Sein kleiner Bruder Manni – der Manni seiner Bücher – war  einige Jahre nach ihm ebenfalls zur Ausbildung nach Europa geschickt worden, wo es ein freudiges Wiedersehen der Brüder gab.

Leider wurde Manni schon bald sehr krank wurde und verstarb. Nonni wurde es von den Oberen seines Ordens verweigert, ihn am Krankenbett zu besuchen, um von ihm Abschied zu nehmen.

Tod und Trennung von geliebten Menschen musste Nonni  in der Fremde ganz allein verarbeiten, aber auch die Entdeckung der Tagebücher seines Vaters in einer dänischen Bibliothek, die ihn – inzwischen im Erwachsenenalter – damit konfrontierten, wie es um die Ehe seiner Eltern bestellt war.

Das Familienleben, das er später in seinen Büchern in hellen Farben malen sollte, steht in einem auffälligen Gegensatz zur Realität. – Was mögen die Gründe dafür sein?

Illustration von Hans Baumhauer, Freiburg, in:
„Nonni. Erlebnisse eines jungen Isländers, von ihm selbst erzählt“

S. 47, Verlag Herder Freiburg, 1951

Vielleicht war die Errichtung einer heilen Welt im Land seiner Kindheit auch für ihn das Rezept, dem Alltag mit seinen hässlichen Seiten zu entfliehen, indem er eine Gegenwelt aufbaute, die ihn glücklich machte? Sich Wegträumen als Überlebensstrategie? Geschichten erfinden, um Glück zu erleben, so wie er es sich für seine Leser wünschte?

Dies ist eine mögliche Erklärung. Sicher verbirgt sich hinter der Idealisierung aber auch eine starke Sehnsucht nach seiner Heimat, so wie er sie mit dieser rücklickend kindliche Verklärung in seinem Innersten erstehen ließ – und die er noch im Alter schmerzlich zu vermissen schien.

1988 gab es mit den im ZDF ausgestrahlten Verfilmungen der Nonni-Bücher noch einmal einen Höhepunkt an Aufmerksamkeit für Jón Svenssons Werk, aber in den letzten Jahren ist es ein wenig still um ihn geworden.

Doch in Deutschland hat er nach wie vor eine treue Fangemeinde, die sich darum bemüht, das Andenken an diesen großen Isländer  lebendig zu halten.

Deshalb werden in Köln an der Grabstätte der Kölner Jesuiten auf dem Melatenfriedhof regelmäßig Gedenkveranstaltungen organisiert, vornehmlich von der Deutsch-Isländischen Gesellschaft e.V. Köln.

An der großen Veranstaltung im November 2017 anlässlich Jón Svenssons 160. Geburtstages  war auch das katholische Bonifatiuswerk maßgeblich beteiligt.

Sogar der isländische Botschafter aus Berlin und der Bischof aus Island waren angereist. So soll es auch in Zukunft sein. Auch heute, an seinem 75. Todestag, findet wieder ein Festakt an seinem Grab statt.

Leider werden die Nonni-Bücher nicht mehr aufgelegt, aber als eBooks  sind sie inzwischen alle erschienen. Und auch als Hörbücher kann man einige von Nonnis Abenteuern miterleben.

Und wer sich weiter in das Leben von Nonni  vertiefen möchte, dem sei die bereits erwähnte Biographie empfohlen:

Gunnar F. Guðmundsson
Pater Jón Sveinsson
NONNI
2017, Universitäts und Stadt Bibliothek Köln
ISBN: 978-3-931596-99-6
Aus dem Isländischen von Gert Kreutzer
Die isländische Originalausgabe erschien 2012 unter demselben Titel

2 Responses

  1. Hallo Monika,

    die Berichte über meinen Lieblingsschriftsteller Jón Svensson – genannt Nonni – sind dir meisterhaft gelungen. Darüber freue ich mich sehr – besonders in diesem seinem 75. Todesjahr. Er hat es verdient, durch solche Beiträge, Vorträge, Ausstellungen, Hörbücher und andere Publikationen wieder ins Gespräch zu kommen. Dabei möchte ich betonen, dass er keineswegs nur für Kinder und Jugendliche geschrieben hat. Und aus eigener Erfahrung erlebe ich immer wieder, dass gerade Erwachsene von dem schönen Deutsch fasziniert sind, in welchem der Isländer geschrieben hat. Ich selbst kann es kaum verstehen, wie ein Ausländer so gut auf Deutsch formulieren kann. Das war aber von großem Vorteil, weil seine Leserschaft beim Verlag Herder aus Deutschen bestand.
    Und jetzt noch ein kleiner Hinweis auf einen vermeintlichen Druckfehler, den man vielleicht bisher gar nicht wahrgenommen hat. Du empfiehlst mit Recht die umfangreiche Biografie, für die Gunnar F. Gudmundsson in 2012 den isländischen Literaturpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt und die im Jahr 2017 auf Deutsch erschien – übertragen von Gert. Kreutzer. Der Titel lautet: Pater Jón Sveinsson NONNI. Doch in deinen Geschichten wird sein Familienname anders geschrieben, nämlich ohne i – Svensson. Man könnte also meinen, dass hier ein Druckfehler vorliegt – aber weit gefehlt! Weder hast du, liebe Monika, dich verschrieben, noch der Verlag, der das Buch herausbrachte: Beide Namen sind richtig! Es gibt aber einen Grund für die unterschiedlichen Schreibweisen, der sehr einleuchtend ist: Als Nonni mit über 50 Jahren zu schreiben begann, fragte er sich, in welcher Sprache er schreiben solle. Er war nämlich ein Sprachentalent und hätte auf Französisch (er verbrachte sehr viele Jahre seines Lebens in Frankreich), Dänisch, Englisch, Belgisch oder Deutsch schreiben können, entschied sich aber für Deutsch – siehe oben. Da fiel ihm aber ein, dass sein Nachname auf Deutsch wie „Schweinssohn“ klingen könnte, wenn man ihn mit i, also „Sveinsson“, schreibt. Und so wollte er natürlich nicht genannt werden. Deshalb änderte er ihn um in „Svensson“ – und so unterschrieb er von da an alle Briefe und Widmungen, und alle seine Bücher tragen den Autorennamen Jón Svensson – mit EINER Ausnahme: in seiner Heimat Island heißt er nach wie vor Jón Sveinsson!

    1. Liebe Friederika,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und vor allem auch für die zusätzlichen Infos. Das ist wirklich interessant!
      Viele Grüße Monika

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