Das Zauberbuch

Ein junges Mädchen fühlt sich im hektischen Großstadtleben, wo alle den ganzen Tag ihren Geschäften nachgehen, einsam und verlassen. Auf dem Dachboden ihres Hauses macht sie eine seltsame Entdeckung und ein Traum führt sie in eine Welt, der ihr Leben verändert.


Es war ein kalter, grauer Novembertag, der Regen trommelte gleichmäßig gegen die Fensterscheiben. Der Himmel war grau, so grau wie der Nebel, der schon seit Tagen über der Stadt hing und so grau wie das fade Leben der Großstadt.

Gwendolyn lebte dieses Leben schon, so lange sie denken konnte. Sie lebte Tür an Tür, Fenster an Fenster mit so vielen Menschen und es war nicht einer unter ihnen, von dem sie hätte behaupten können, sie würde ihn kennen. So kam es, dass sie auch an diesem grauen Novembertag allein in ihrem Zimmer saß und den Regentropfen lauschte.

Sonst war es still, doch wen hätte sie auch hören sollen? Ihre Eltern waren berufstätig und sie hatte keine Geschwister. Selbst ihre Großeltern kannte sie kaum, da sie weit entfernt wohnten, zu weit, um ihr an einem solchen Tag die Einsamkeit zu vertreiben.

Einige Minuten hing Gwendolyn so ihren Gedanken nach, dann raffte sie sich auf. Sie wollte auf den Dachboden, wo sich sicher das eine oder andere Buch finden lassen würde, das ihr zumindest die Zeit vertrieb.

Den Speicher erreichte man über eine kleine Treppe, die, als Gwendolyn sie bestieg, so knarrte, als hätte sich dort schon seit hundert Jahren niemand mehr hin verirrt.

Ein Deckenlicht bescherte ihr gerade so viel Licht, dass sie erkennen konnte, was sie in den Händen hielt. Sie stöberte eine ganze Weile in den ordentlich übereinander gestapelten Kisten, bis sie plötzlich auf etwas stieß, was sie nicht zuordnen konnte.

Es war weich und doch hart. Es hatte Seiten, aber die Seiten waren seltsamerweise nicht bedruckt. Gwendolyn atmete tief durch, denn sie wusste weder, was sie in der Hand hielt, noch was sie davon halten sollte.

Für einen kurzen Moment hielt sie die Luft an und dann sammelte sie sich. Sie beschloss „ihren Schatz“ mit in ihr Zimmer zu nehmen und ihn sich dort genauer anzusehen. Als sie die Stiege hinunterkletterte, schlug ihr Herz höher.


Sie legte das Etwas auf ihren Schreibtisch und betrachtete es: Es war ein Buch, zweifelsfrei, doch es war kein normales Buch, das man im Laden hätte kaufen können. Von außen war es mit weichen Fellstücken beklebt und die Seiten waren von Hand geschrieben. Jetzt packte Gwendolyn die Neugier. Sie schlug das Buch auf und begann zu lesen:

Liebe Gwendolyn,

wenn du dieses Buch jemals zu Gesicht bekommen solltest, dann genieße es. Doch sei dir auch deiner Aufgabe bewusst. Wenn du diese Zeilen liest, wird es kein Zurück mehr geben, das lass dir gesagt sein. Nimm Dir meine Worte zu Herzen und lerne aus der Geschichte… aus deiner Geschichte!

Und so lautet meine Botschaft für dich, mein liebes Kind: Mach aus dem Grau ein Meer aus Farben!

In Liebe dein Großvater

Mehr war in dem ganzen Buch nicht zu finden: Weder vorne noch hinten, solange sie auch suchte – einfach nichts, keine weitere Zeile, kein noch so kleines Wort! Sie dachte noch lange darüber nach, bis ihre Augen zufielen und sie einschlief.

Ein plötzlicher Ruck hatte sie geweckt und als Gwendolyn die Augen aufschlug, blickten ihr zwei treuselige Pferdeaugen entgegen. Sie erschrak! Wo war sie? Warum lag  sie auf einer grünen Wiese? Unter einem Pferd! Sie ließ ihren Blick umherschweifen und schaute auf eine karge, grüne Landschaft mit Vulkangestein und: Pferden!

Gwendolyn war ein Großstadtkind und hatte noch nie ein Pferd aus der Nähe gesehen, doch sie hatte genug über Pferderassen gelesen, um zu wissen, dass dies Islandpferde waren. Es waren kleine, robuste Tiere, die ebenso intelligent wie geländesicher waren, so hatte sie es in den Büchern gelesen, doch ein Buch und die Realität waren doch zwei verschiedene Schuhe!

„Wo bin ich, verflucht nochmal?“, fragte Gwendolyn laut in der Annahme, keine Antwort zu erhalten, doch in dem Punkt lag sie falsch:

„Wir sind auf Island“, vernahm sie. Die Antwort kam von einem der Pferde. Es war eine wunderhübsche Rappstute. Sie war schwarz wie die Nacht und doch strahlte sie wie die Sonne am Himmel:

„Man nennt mich Lukka, so wie das Glück, von dem du noch nicht viel kosten durftest! Ja, wir kennen deine Geschichte, wir alle. Wir sind hier, um dir eine neue, den Menschen unbekannte Welt zu zeigen.

Doch eines musst du versprechen: Alles, was wir Dir zeigen, ist allein für dich bestimmt, du darfst niemandem davon erzählen.“

„Wir sind auf Island“, vernahm sie. Die Antwort kam von einem der Pferde. Es war eine wunderhübsche Rappstute. Sie war schwarz wie die Nacht und doch strahlte sie wie die Sonne am Himmel: „Man nennt mich Lukka, so wie das Glück, von dem du noch nicht viel kosten durftest!

Ja, wir kennen deine Geschichte, wir alle. Wir sind hier, um dir eine neue, den Menschen unbekannte Welt zu zeigen. Doch eines musst du versprechen: Alles, was wir Dir zeigen, ist allein für dich bestimmt, du darfst niemandem davon erzählen.“

Gwendolyn nickte verwirrt und stieg auf eines der Pferde auf. Es war eine Scheckstute. Sie war nicht so schön wie Lukka, aber sanftmütig wie eine Mutter oder eine große Schwester. Die Stute trug sie lange Zeit durch die überwältigend schöne Landschaft Islands, die Herde begleitete sie.

Alles zog wie ein Film an ihr vorbei. Sie passierten einen Wasserfall, dessen Rauschen in ihren Ohren wie Musik klang und dessen Wasser in tausend Farben schillerte. Sie ritten an Schafen vorbei, von denen es so viele gab, dass sie sie nicht hätte zählen können.

Sie trafen auch den Schäfer inmitten seiner Herde, dessen Musik auf der Flöte eine unendlich traurige Geschichte in einer fröhlichen Melodie verbarg. Sie ritten weiter und weiter, doch plötzlich blieben sie stehen. Sie standen auf einer Lichtung in einem kleinen Wald.

Die Pferde stellten sich in einen Kreis und ließen eine kleine Gasse frei. Sie begannen Geräusche zu erzeugen, die wahrscheinlich kein Mensch zuvor von einem Islandpferd gehört hatte. Gwendolyn sah erst Perla, eine alte graue Stute, und dann Lukka fragend an, doch sie ließen sich nicht beirren.

Sie verstummten erst wieder, als man von ganz tief hinten aus dem Wald leise beschwörende Musik hörte. Es dauerte nicht lange, da sah sie einen Zug aus kleinen Gestalten. Sie war sich erst nicht sicher, doch als sie näher kamen, wusste Gwendolyn, wer diese Gestalten waren: Es waren Trolle, Elfen und Zauberer.

Sie alle sammelten sich in der Mitte der Lichtung. Einige der Wesen spielten kleine Instrumente, mit denen sie fremdartige Weisen spielten, die sie verzauberten. Sie stand inzwischen mitten unter ihnen. Und plötzlich wurde es still.

Eine der Elfen saß auf einem wunderschönen Schimmel. Ihre Gliedmaßen waren so fein und doch so schön. Sie begann zu sprechen und ihre Stimme war, gemessen an ihrer Körpergröße, erstaunlich laut und stark:

„Meine lieben Freunde… Dass wir heute hier sind, hat nur einen Grund.“ Sie blickte in die Runde und ihr Blick blieb an Gwendolyn hängen. Sie fuhr fort: „Wir haben heute ein Menschenkind in unseren Kreis aufgenommen.

Sein Name ist Gwendolyn und es ist hier, weil wir mit ihm das teilen wollen, was uns im Überfluss geschenkt worden ist: Zum einen unser wunderschönes Land und zum zweiten das Glück, das unsere Herzen am Leben hält!

Beides wollen wir mit ihm teilen! Es soll mit einem glücklichen Herzen und mit vielen schönen Erinnerungen in seine Welt zurückkehren! Doch zuvor möchten wir es noch etwas bitten.“

Alle Blicke sahen abwechselnd die Elfenkönigin und Gwendolyn an. Gwendolyn hätte alles dafür getan, um etwas zurückgeben zu können für diesen fantastischen Augenbblick, den sie gerade erleben durfte.

Sie war erst so kurze Zeit hier und fühlte sich schon wie in einer Familie. Sie hoffte so sehr, dass sie die Bitte würde erfüllen können!

„Wir bitten dich um eine Strähne deines Haares.“

Die Elfenkönigin sprach mit so zarter Stimme, das man fürchten musste, die Worte könnten zerbrechen, aber dann fuhr sie mit gefestigter Stimme fort:

„Wir bitten dich darum, da die Strähnen des Haares eines glücklichen Mädchens der stärkste Schutzwall für uns ist. Er schützt uns vor den Menschen, aber auch vor bösen Fabelwesen, denn vor vielen hundert Jahren geschah es, dass alle Fabelwesen sich genau an diesem Ort versammelten.

Es wurde ein weiser Rat gebildet, der überlegte, was wohl am besten für diese Welt sei. Man einigte sich darauf das Glück mit allen Unglücklichen zu teilen.

Alle waren einverstanden, bis auf den Troll des eisigen Berges. Er stellte sich gegen den weisen Rat und verfluchte uns“, erzählte die Elfenkönigin bekümmert. „Seither sammeln wir jedes Menschenhaar und verwahren es sorgfältig und… “

Noch bevor sie ihren letzten Satz beenden konnte, hatte Gwendolyn schon nach einem scharfen Stein gegriffen und eine Strähne ihres blonden Haars herausgetrennt.

Sie reichte es der Elfenkönigin, die es dankend annahm. Gwendolyn senkte den Kopf und die Elfenkönigin murmelte etwas, was sie nicht verstand. Dann wandte sie sich ab und flog im Galopp auf ihrem Schimmel davon tief in den Wald hinein. Alle anderen Fabelwesen folgten ihr.

Gwendolyn ging auf Lukka zu, die Scheckstute hatte sie schon hergetragen und sollte sich nun ausruhen.

Sie wussten beide, dass es an der Zeit war sich zu verabschieden. Gwendolyn wollte schon den Mund öffnen, doch Lukka kannte eine andere Art sich zu verabschieden.

Sie gab Gwendolyn das Zeichen sich auf ihren Rücken zu setzen und das tat sie dann so sanft, wie sie es vermochte. Sie hielt sich mit den Händen in der Mähne fest und sobald Lukka das Gefühl hatte, sie säße sicher, setzte sie sich in Bewegung.

Zunächst gingen sie Schritt, doch dann flogen sie im Tölt über die Ebene. Als Gwendolyn der Wind durch die Haare wehte, fühlte sie sich leicht, frei und unendlich glücklich, ja sie verstand mit einem Mal den Spruch:

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. – Und sie spürte, dass der Zauber dieses Moments sie nie mehr loslassen würde!

Plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper und sie saß wieder auf ihrem Schreibtischstuhl vor dem Buch.

Der einzige Unterschied war, dass die Seiten gefüllt waren, wie durch Zauberhand.

Sie waren gefüllt mit ihrer Geschichte! Die Buchstaben erzählten, wie die Islandpferde ihr das Glück geschenkt hatten.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, doch es waren keine Tränen der Trauer mehr, sondern Tränen des Glücks!

Judith Papenfuß hat diese Geschichte im Alter von 13 Jahren geschrieben

Passend zu dieser Geschichte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sende jetzt deine Geschichte ein:

Dieser Blog möchte ein breites Spektrum an Geschichten von möglichst vielen verschiedenen Menschen anbieten. Die künstlerische Gestaltung, die liebevolle Abstimmung von Wort und Bild ist uns dabei sehr wichtig. Deshalb kann es sein, dass wir bei Text und Bild Veränderungen vornehmen, wenn es uns für die Geschichte und das Gesamtkonzept notwendig erscheint. Dies geschieht aber nie ohne eure Zustimmung! Vor jeder Veröffentlichung erhaltet ihr die veränderte Version, die nur online geht, wenn ihr zugestimmt habt.

Persönliche Daten
Die Geschichte

Füge deinen Texte (am besten als Worddatei) und einige Bilder einfach als Anhang an.
Achtung: Bei den Bildern nutze bitte nur Bilder, die im Internet verwendet werden dürfen.

Informationen zur Geschichte