Ankommen in der Fremde ist schwer, nicht nur für Menschen. Auch Pferde brauchen jemanden, der ihnen dabei hilft.


Er steht am Weidezaun und schaut hinaus. Hier ist alles so anders. Er hat es schon lange aufgegeben, die Bremsen zu verjagen.

Island.

Er denkt an seine Zeit dort draußen, im Hochland. Er denkt an die Zeit, als er mit den anderen herumtollen durfte. Die Weite fehlt ihm am meisten, die Gewissheit, dass man laufen kann, soweit man möchte.

Ja, es gibt Gras genug hier. Sein Bauch ist voll davon. Grünes, saftiges Gras wächst hier, in Unmengen. Aber er wäre lieber zu Hause. Auf Island. Hier ist nur Gras. Dort, wo er herkommt, gibt es Steinbrocken auf dem Boden, schroffe Felswände, viel Moos und rauchende Berge. Alles ist neu hier.

Er weiß, dass sie bald kommen wird. Aber dass er auf sie wartet, das will er sich nicht eingestehen. Sie ist noch ein Kind, aber so genau kennt er sich mit dem Alter nicht aus. Er mag sie, sie ist ruhiger als die anderen.

Schritte!

Er nimmt den Menschen noch aus dem Augenwinkel wahr. Es ist der Mann, der ihnen abends immer das Heu in die Box bringt. Beruhigt schüttelt er den Kopf. Er ist ein Rappschecke und die weiße Strähne in seiner Mähne läuft weiter bis zu seinen weißen Socken. Den Menschen gefällt das.

Das Tor quietscht. Er reißt den Kopf hoch. Der Mann kommt auf ihn zu, ein Halfter in der Hand. Erschrocken bringt er sich hinter seinem Kumpel in Sicherheit.

Wo bleibt das Mädchen? Er weicht dem Mann aus, den Kopf noch immer hoch in der Luft. Er mag die Menschen nicht besonders gerne und Männer schon gar nicht. Sie waren es, die ihn von seiner Mutter getrennt haben, ihn festgehalten haben… Er will nicht daran denken.

Der Mann streckt die Hand aus, um ihn zu berühren, aber er springt zurück, als wäre er zu nah an den E-Zaun gekommen.

Endlich gibt der Mann es auf.

Er wartet. Sie hätte schon längst da sein müssen. Gestern sind sie ausgeritten. Es war anstrengend, aber er mag es, wenn er immer mehr spürt, wie er sich auf sie verlassen kann.

Er schaut ihr entgegen, als sie endlich auf die Weide kommt. Die ersten Schritte geht sie auf ihn zu, dreht sie sich weg und streichelt sie die anderen Pferde.

Er kommt von hinten auf sie zu, langsam und vorsichtig. Einen halben Schritt entfernt bleibt er stehen. Erst jetzt schaut sie ihn an. Zärtlich redet sie mit ihm.

Die Worte versteht er nicht, aber er spürt, dass sie ihn mag. Zögernd schnuppert er an ihrer Hand. Das ist zu einem Ritual zwischen ihnen geworden.

Wie in Zeitlupe zieht sie ihm das Halfter über. Sie atmet auf. Zu genau kann sie sich noch daran erinnern, wie lange es am Anfang gedauert hatte, bis sie ihn endlich aufgehalftert hatte.

Er mag ihre Stimme, die leisen Worte, die sie ihm zuflüstert. Er ist zufrieden. Er weiß, dass es nichts bringt, sich gegen die Welt, in der er nun leben muss, zu sperren.

Er ist froh, dass es einen Menschen gibt, der Geduld mit ihm hat und  ihm dabei hilft sich jeden Tag ein bisschen mehr zuhause zu fühlen.

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