SUSANNES BESTER FREUND

Vielen Pferdemenschen ist eins gemeinsam: Sie haben ein Herzenspferd, dass ihnen von allen Pferden, mit denen sie einen Abschnitt ihres Lebens verbringen, das liebste ist.
So geht es auch Susanne. Die Zeit mit ihrem Fleygur hat sie sogar in einem Tagebuch festgehalten.

Das Traumteam – Susanne und Fleygur. Foto/Susanne Buchholz


2015 habe ich in mein Fleygur- Tagebuch notiert: Danke Fleygur, für 3,5 Jahre, in denen wir uns kennenlernen konnten!Wir haben uns geschätzt, geachtet, hatten Respekt voreinander und wir liebten uns auf eine schöne und harmonische Art und Weise. Für mich warst Du der beste Freund, den ich je hatte. Aus einem sehr ängstlichen und scheuen Pferd wurdest Du mein Held!!!
1000 Dank und viele Küsschen,
Mai 2015

Ich habe Fleygur gekauft, obwohl man mir gesagt hatte, dass er ein extrem schwieriges Pferd sei.
Das war am 01.11.2011. Er stand am GPZ Aegidienberg. Als ich ihn sah, diesen bildhübschen Schecken, hat es sofort „klick“ gemacht und es war um mich geschehen.
Ich erinnere mich sehr deutlich an den ersten Moment unserer Begegnung und was ich damals gefühlt habe. Ich weiß noch ganz genau: Es war nicht allein sein Aussehen, sondern vor allem seine Art und seine Ausstrahlung, die mich von Anfang an berührt haben. Auf unerklärliche Weise hat er mich vom ersten Augenblick an fasziniert.

Menschen gegenüber war Fleygur furchtbar ängstlich. Das war auch der Grund, weshalb er verkauft wurde.
2009 war er nach Deutschland importiert worden und fand zunächst eine neue Heimat bei einer anderen Reiterin. Natürlich war er eingeritten. Aber manchmal passt es zwischen Tier und Mensch einfach nicht.

Ich fühlte jedoch sofort, dass ich der richtige Mensch für dieses scheue Wesen war, ich spürte, dass wir zusammengehörten. Ich habe ihn deshalb auch nur einmal Probe geritten, denn: Ob er taktklar töltete oder im Schweinepass lief, das war mir ganz egal. Ich wusste nur: Fleygur und kein anderer ist mein Pferd!

Nun begann eine sehr spannende Zeit. Viele um mich herum, die Fleygurs Ängstlichkeit kannten, runzelten die Stirn und unkten: „Den wirst du noch nicht mal aus dem Paddock herausbekommen!“
Ich ließ mich von diesen Prognosen nicht entmutigen, ging ganz selbstverständlich auf ihn zu, kraulte ihn liebevoll hinter den Ohren und streifte ihm schließlich im Zeitlupentempo das Halfter über – und allen Voraussagen zum Trotz kam er tatsächlich mit mir mit! Dabei war das Einfangen auf dem Paddock zuvor für so manchen Mitarbeiter eine harte Geduldsprobe gewesen, aber mir folgte er vom ersten Tag an.

Das bestärkte mich auf meinem Weg es ruhig angehen und ihm alle Zeit der Welt zu lassen.
Fleygur hatte Ekzem und sein Aussehen erinnerte zu der Zeit, als er in mein Leben kam, stark an ein gerupftes Hühnchen. So verbrachte ich zunächst die meiste Zeit damit, ihn zu putzen und seine offenen Stellen zu versorgen. Ich spürte, wie er die Zuwendung genoss und wie dankbar er war, als sich Besserung einstellte. Und ich spürte auch, wie sein Vertrauen zu mir wuchs.
Schließlich begannen wir mit kleinen Spaziergängen. Auf diesen Ausflügen zu zweit erzählte ich ihm immer etwas mit ruhiger Stimme. Das schien ihn zu beruhigen, denn er

Fleygur bereit für einen Spaziergang. Foto/Suanne Buchholz

erschrak sogar vor aufsteigenden Vögeln und sprang zur Seite. Ich tat immer so, als hätte ich nichts bemerkt. Hin und wieder bekam er zur Belohnung ein Leckerli. Er blieb dabei immer in respektvollem Abstand.

Sehr problematisch war das Beschlagen. Es gab nur einen Hufschmied, der Fleygur beschlagen konnte, denn das musste immer in Windeseile geschehen. Später funktionierte selbst das nicht mehr und er musste jedes Mal sediert werden. Dabei war er nie böse, aber man hatte das Gefühl, als wollte er sich – warum auch immer – hinsetzen und niemanden an seine Hinterhufe heranlassen.
Er schien grundsätzlich Probleme mit männlichen Personen zu haben, vor allem, wenn sie eine Kopfbedeckung trugen. Es reichte schon, wenn ein Mann nur in seine Nähe kam. Dann machte er sich groß und riss ängstlich die Augen auf. Wer weiß was Fleygur erlebt hatte!

Schließlich kam der Tag, dass ich mich traute ihn zu reiten. Das Aufsteigen musste natürlich an einem ruhigen Ort und sehr behutsam geschehen. ich war glücklich, als es klappte, und dann ging es hinaus in die Natur.
Auch jetzt blieb ich meinem Grundsatz treu ihm Zeit zu geben: Zeit zum Schauen, wenn sich z.B. irgendwo ein gruseliger Schneehügel auftürmte, und Zeit zum Tölten lernen. Was auch immer für eine neue Aufgabe anstand, das Wichtigste war immer, dass wir sie zusammen in Angriff nahmen. Unsere gemeinsame Zeit – es gab nicht Schöneres!
So wurde vieles einfach, was noch vor wenigen Wochen undenkbar gewesen war. Fleygur vom Paddock oder einer Wiese abholen war nie mehr ein Problem, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir lernten uns kennen und ich verstand immer besser, was ich ihm zumuten oder wie ich ihm helfen konnte seine Angst zu überwinden und (für mich!) über seinen Schatten zu springen.

Im Frühjahr wollte ich ihm z.B. eine Ekzemdecke anziehen. Natürlich war das nicht einfach, zumal die Decke dunkelbraun war. Ich sprach wie immer ruhig mit ihm, aber er zog trotzdem den Kopf zurück. Es funktionierte erst, als ich es mit einer hellgrauen Decke probierte, an die er sich dann sehr schnell gewöhnte. Zusätzlich gab ich ihm regelmäßig ein Algenextrakt in einem Apfel. Seine Mähne begann wieder zu wachsen und er entwickelte sich zu einem ganz wunderschönen Islandpferd.

Schwierig wurde es immer wieder, wenn der Tierarzt zum Impfen kam. Noch heute bin ich meinem Tierarzt dankbar, der das mit großer Ruhe hinbekam.

Wenn am Hof viel Betrieb war, wurde es für Fleygur anstrengend. Dann sattelte ich ihn immer recht flott, um in die Natur zu kommen. Die Spaziergänger, Hunde. Autos und was uns sonst so unterwegs begegnete, störten ihn erstaunlicherweise keineswegs. So wurde mir klar, dass

Besonders die Ausritte sind mit Fleygur schön gewesen. Foto/Susanne Buchholz

der Umgang vom Boden aus das eigentliche Problem war und nicht das Reiten.
Deshalb unternahmen wir viele wunderschöne Ausritte, meist allein, aber oft auch in der Gruppe. Nach aufregenden zwei Jahren wurde  Fleygur immer sicherer und schließlich konnte ich sogar erfolgreich an einem Tölttraining teilnehmen!

Wenn ich morgens zum Hof kam, begrüßte er mich schon fröhlich am Paddocktor. Ein schönes und ergreifendes Gefühl, denn anderen Menschen gegenüber behielt er seine Skepsis und ließ sich kaum streicheln.

Im Dezember 2014 konnten wir sogar an einem Weihnachtsritt teilnehmen. Wir kannten uns nun und vertrauten uns voll und ganz!

Für mich hätte es ewig so weiter gehen können, aber leider war uns das nicht vergönnt.

Schon ca. 2 Wochen später verletzte Fleygur sich auf dem Paddock und lahmte heftig. In der Tierklinik stellte man eine Verletzung des Fesselträgers fest. Monatelang stand er nun in einer Box. Das war furchtbar für ihn, denn er ängstigte sich vor allem, was vorbeikam und sprang dann zur Seite, was natürlich Gift für das verletzte Bein war. Nach Absprache mit dem Tierarzt und dem Gestütsleiter entschied ich mich deshalb, Fleygur auf eine Wiese zu bringen, auf der nur alte, ruhige Isländer standen, wo er in Ruhe seine Verletzung auskurieren sollte.

Wer hätte voraussehen können, was nun geschah?
Fleygur war so erleichtert, wieder in Freiheit zu sein, dass er ungestüm aus dem Hänger sprang und dabei wohl sein verletztes Bein zu stark belastete. Als er auf drei Beinen zu den anderen Pferden humpelte, zerriss es mir fast das Herz. Dieses Bild hat sich in meinen Kopf eingebrannt. Vermutlich hatte er sich bei diesem Sprung den Fesselträger komplett zerrissen.

Fleygur war ein Pferd, das in der Klinik Panikattacken erlitt und ich mich deswegen, auch hier natürlich in Absprache mit meinem Tierarzt, gegen eine Szintigraphie und deren Auswirkungen entschied.

Nun lebte er noch knappe zwei Wochen auf der Wiese. Als ich sah, dass er sich trotz des Schmerzmittels, das ich ihm jeden Tag brachte,  kaum noch von der Stelle bewegte, entschied ich mich schweren Herzens ihn zu erlösen.

Fleygur fehlt mir auch heute, vier Jahre danach, noch immer. Für mich war er mein absolutes Traumpferd. Durch ihn wurde mir bewusst, was eine Tierfreundschaft bedeutet.

Þrumufleygur frá Litlu-Sandvik,   *2001 – †26.05.2015. Foto/Susanne Buchholz

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One Response

  1. Liebe Susanne!

    Danke, dass Du diese Geschichte mit uns geteilt hast- sie ist mir sehr zu Herzen gegangen.
    Eine sehr traurige, aber auch wunderbare Geschichte, die zeigt, dass Zeit, Geduld und Herz die wichtigsten Werkzeuge eines Pferdemenschen sind.

    Birgit

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