Wie ich einen Kater und der Kater mich rettete

Ozzy sollte eingeschläfert werden. Foto/Rebecka Frey

Ich stehe reglos mit der Spritze in der Hand da und starre vor mich hin. Vor mir schnurrt laut ein braun getigerter Kater. Er drückt sich gegen meine Hand, in der ich die Spritze mit der todbringenden Flüssigkeit halte. Er schleicht unruhig auf dem Tisch herum. Mir blutet das Herz.
Ich kann nicht tun, was von mir erwartet wird: ihn einschläfern. Obwohl ein Tier einschläfern ein Teil meines Jobs als Tierärztin ist, der zum Alltag gehört und längst Routine sein sollte, wird mir diese Aufgabe immer schwerer.

Ich werde mich nie daran gewöhnen!

Ich überlege, wie ich ihn retten kann. Er soll eingeschläfert werden, weil er im Haus uriniert. Er wohnt in einer Stadtwohnung und hat begonnen an den ungeeignetsten Stellen zu pinkeln. Die letzte war das Bett des Babys der Familie und dies war schließlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Man entschied sich dafür, ihn einschläfern zu lassen.

Stina ist eine gute Freundin von meiner Mutter und mir, sie hat sich im Laufe ihres Lebens immer wieder verschiedener „ausgemusterter“ Tiere angenommen und ihnen ein Zuhause gegeben. Ich war sicher, sie würde sich auch um ihn kümmern.

Stina wohnt wunderschön auf dem Lande mit all den Hunden, die sie aufgenommen hat. Kürzlich musste ich ihre alte Katze einschläfern, es war herzzerreißend.

Stina konnte ihrem Schmerz kaum Ausdruck verleihen, sagte nur mit gebrochener Stimme: „Das war meine letzte Katze. Ich bin jetzt zu alt. Die nächste würde mich ja überleben, und so soll es nicht sein.“

Ozzy änderte sein Verhalten, sobald er zum „Freigänger“ wurde. Foto/Rebecka Frey

Bei Stina würde Ozzy wieder nach draußen können. Ich hoffte, das würde das Probem lösen, da das unkontrollierte Urinieren bei Katzen häufig damit zusammenhängt, dass sie sich im Haus nicht wohlfühlen.

Das Gespräch mit Stina war, wie vermutet, kurz. Sie würde nie „Nein“ zu der Möglichkeit sagen, ein Tierleben zu retten. Und so wurde Ozzy noch am selben Tag ausquartiert und aufs Land gebracht.

Der Stall mit meinen Pferden liegt neben Stinas Haus. Jeden Tag, wenn ich daran vorbei ritt und anhielt, um ein wenig zu schwatzen, versicherte sie mir, Ozzy sei die beste Katze, die sie je hatte. Sie sei so dankbar, dass sie zu ihr gekommen sei. Ozzy habe sich sogar zum besten Jäger entwickelt und bringe jeden Tag Mäuse mit. Er gehe sogar mit ihr spazieren, wenn sie mit den Hunden rausgehe. Eine wunderbare, die allerbeste Katze, der treuste Freund, den sie je gehabt habe!

Ozzy lernte Blitzschnell Mäuse fangen. Foto/Rebecka Frey

Einige Zeit später ging es mir psychisch sehr schlecht nach einer schmerzhaften Scheidung. Ich wohnte in einer kleinen Wohnung in der Stadt, eine vorübergehende, aber notwendige Lösung nach einem fluchtartigen Aufbruch. Ich bin kein Stadtmensch, sondern sehne mich immer aufs Land, nach meinen Pferden und den leinenlosen Spaziergängen mit meinem Hund Smilla.

Plötzlich taucht eine Immobilienanzeige auf und das Objekt kommt mir bekannt vor. Ich überprüfe die Angaben und stelle erstaunt fest: Bei der Immobilie handelt es sich tatsächlich um Stinas Haus! Ich kann es kaum glauben: Das fantastische Haus mit der wunderbaren Aussicht auf den See direkt neben meinem Pferdestall steht zum Verkauf! Ich bin überwältigt von meinen Gefühlen. Die Landspitze ist genau der Ort, an dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Das fühlt sich richtig an… aber wo soll ich das Geld hernehmen?

Die Scheidung ist noch nicht durch und es wird auf einen traurigen Kampf um meinen Anteil an unserem Heim herauslaufen. Ich überschlage, was ich zusammenkratzen kann und komme zur Erkenntnis, dass ich einige meiner schönen Jungpferde verkaufen und ein Darlehen aufnehmen muss. Dann könnte es vielleicht klappen.

Ein ungutes Bauchgefühl befällt mich bei der Frage, warum Stina nicht gesagt hat, dass sie verkaufen will. Sie hätte doch ahnen können, dass ich an einem Kauf interessiert bin, oder nicht? Ich bringe es nicht fertig sie einfach anzusprechen und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in die Reihe der Bieter einreihen.

Ozzy auf „seinem“ Sofa. Foto/Rebecka Frey

Die Angebote gehen hoch und nur mit Hilfe meines Bruders und mit einem weiteren Darlehen kann ich noch mithalten. ich kann es kaum fassen: Am Ende ist mein Angebot tatsächlich das höchste!
Doch plötzlich tritt ein weiterer Interessent auf. Jedem meiner Angebote folgt einen Moment später ein höheres. Ich verliere den Mut, denn ich verstehe schnell, dass dieser Interessent sehr viel Geld hat und ich keine Chance habe.

Weinend rufe ich meinen Bruder an. Während dieser versucht mich zu trösten,vertraue ich ihm meine letzte, verzweifelte Idee an: Ich biete Stina 50.000 (schwedische) Kronen schwarz unter der Hand dafür an, dass Ozzy bis ans Ende seiner Tage in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann und es ihm dort gut gehen würde, wenn das Haus in meinen Besitz gelangen sollte.

Wir diskutieren die Sache. Das könnte natürlich dazu führen, dass Stina gekränkt auf dieses Angebot reagiert und ich damit meine letzte Chance verspiele. Auch quält mich die Frage, warum Stina – was auch immer ihre Gründe dafür sein mögen – nicht an mich verkaufen will.

Während wir telefonieren sehe ich plötzlich auf dem Display, dass Stina anruft. Ich unterbreche mein Gespräch sofort und nehme an. Stina fragt, wie es mir geht. Ich kann meine Gefühle nicht zurückhalten und es platzt aus mir heraus. Ich erzähle ihr weinend, wie traurig ich bin, dass ich die Landspitze nicht kaufen kann, weil ich das letzte Angebot nicht überbieten kann.

Ozzy, die weltbeste Katze. Foto/Rebecka Frey

Am anderen Ende herrscht eine ähnlich angespannte Stimmung, das wird sogar durch die Leitung spürbar. Nach einem kurzen Moment der Stille flüstert Stina weinend in den Hörer: “ Ich will, dass Ozzy mit dir in meinem Haus wohnt. Wenn du ihm dort weiterhin ein liebevolles Zuhause bietest, gehört das Haus an der Landspitze dir.

So erfüllte sich mein Traum auf wunderbare Weise, und was noch viel Wichtiger ist: Ich wurde gleichzeitig die Besitzerin der weltbesten Katze, die ganz sicher nicht weiß, dass auch sie mich gerettet hat.

Oder doch? Sie zeigt mir ihre Zuneigung – oder ist es am Ende Dankbarkeit? – jede Nacht, wenn ich aufstehen darf, um ihr die Tür zu öffnen. Sie bringt keine Mäuse mehr von ihren nächtlichen Ausflügen mit, sondern schlüpft einfach schnurrend ins Haus, springt aufs Bett, rollt sich auf meinem Bauch zusammen und verströmt Wärme und Liebe, mit der wir beide einschlafen. 

So haben sich zwei Seelenverwandte gefunden, der eine davon mit weichen Tatzen und wunderschönen grünen Augen. Er hat nach und nach mit seiner Liebe eine gebrochene Menschenseele geheilt, wie es nur eine kleine Katze kann.

Rebecka Frey

Aus dem Schwedischen übersetzt

Der Kater Ozzy. Foto/Rebecka Frey

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