Was passieren kann, wenn man versucht ein Pferd zu brechen

Mit meinem allerersten Pferd hat es leider kein gutes Ende genommen. Damals habe ich mir so sehr gewünscht es mit ihm zu schaffen!


Als ich Rjómi geschenkt bekam, war ich noch ein Kind. Er war ein schwieriges Pferd, aber für mich war er einzigartig. Als ich ihn kennenlernte, gehörte er einer Nachbarin auf Island. Bei ihr habe ich eine zeitlang als Stallmädchen geholfen. Damals war ich jeden Tag nach der Schule bei ihr im Stall, habe gemistet und die Pferde bewegt, bis es dunkel wurde. Ich habe sehr viel bei ihr gelernt.

Die Pferde aus ihrer  Zucht waren groß und schwer gebaut, denn sie war eine sehr kräftige, maskuline Frau. So konnten sie ihren Mann und sie problemlos durch das isländische Hochland tragen, denn für diese Arbeit wurden sie hauptsächlich genutzt, für Bergtouren und Schafabtriebe.

Ihre Pferde waren aber nicht alle einfach. Besonders eine wunderschöne Zuchtstute hatte immer wieder schwierige Nachkommen. Eine ihrer Töchter hieß Bára, sie hat mir mal den Pony abgebissen, weil sie wohl dachte, meine Haare seien Stroh.

Aber ich kann es ihr nicht verübeln, sie sahen in der Zeit wirklich wie Stroh aus. Bára war schwierig beim Reiten, da sie regelmäßig „parkte“, also nicht mehr weitergehen wollte. Aber bei ihr war das Problem  zu händeln – ganz anders als bei ihrem Bruder.

Dieser hieß Rjómi. Das bedeutet „Sahne“, denn er war schimmelwindfarben und wunderschön. Ich mochte Rjómi sehr gern, er war freundlich und lieb, damals fünf Jahre alt und zum Anreiten im Stall. Abends saßen meine Freunde und ich oft auf den Pferden, die in ihren Boxen standen, und tranken einen heißen Kakao auf ihrem Rücken.

Wir genossen die Wärme, die von ihnen ausging, und liebten es ihnen beim Fressen zuzuschauen. Das die meisten Pferde  nicht eingeritten waren, störte uns nicht, in der Box konnten sie ja nicht viel tun – und sie haben es auch nie versucht!

Rjómi entpuppte sich als der schwierigste Nachkomme aus dieser Stute. Ohne Reiter war er das liebste Pferd auf Erden, und kein Vulkanausbruch hätte ihn dazu gebracht sich von der Stelle zu bewegen.

Aber  genau da lag auch sein Problem. Es war nicht möglich ihn vom Stall weg-  oder auch nur einfach vorwärtszureiten! Er rammte seine Beine in den Boden und sah dabei noch nicht einmal böse aus. Er wollte bloß nicht weg und wollte vermutlich einfach nur weiterschmusen.

Dieses Verhalten wollte die Besitzerin natürlich nicht durchgehen lassen und versuchte mit allen Mitteln ihn zum Gehen zu motivieren. Als Handpferd oder in der Gruppe ging er auch mit, blieb aber immer schon nach ein paar Schritten wie angewurzelt stehen und ließ sich nicht durch Geld und gute Worte  zum Weitergehen bewegen, sodass man umdrehen musste.

Schließlich riss der guten Frau, die bisher mit Besonnenheit zu Werke gegangen war, der Geduldsfaden. Nun wollte sie das Pferd mit Gewalt zum Laufen bringen. Das war 1998, aber ich erinnere mich noch heute ganz genau an das, was dann passierte und werde es auch nie vergessen.

Es war schon dunkel, als drei Männer und eine andere Frau in den Stall kamen. Sie packten Rjómi, sattelten ihn und zerrten ihn vor die Tür. Alle Bewohner des Pferdedorfs standen vor ihren Ställen und schauten mit großen Augen zu. Ein Auto stand bereit.

Die Stallbesitzerin kletterte auf Rjómi und zwei weitere Personen sprangen auf ihre Pferde und ritten los. Rjómi, völlig überfordert mit der Situation, ging zunächst ein paar Schritte mit, blieb aber dann wie gewohnt stehen – und nun ging ein schreckliches Schauspiel los:

Das Auto fuhr hinter Rjómi, der  Fahrer fing wie verrückt an zu hupen und schob das Pferd vorwärts, ein anderer zu Fuß trieb es zusätzlich mit Gerte und Peitsche. Es war ein wildes Getümmel, ein furchtbares Geschrei  und lautes Gehupe. Und mitten drin stand Rjómi, starr vor Angst!

Alles, was diese grausame Aktion erreichte, war, das arme Tier bis zum Ausgang vom Pferdedorf zu bewegen. Dort stieg es in seiner Verzweiflung, und als es seine Reiterin nicht abschütteln konnte, überschlug es sich zweimal mit ihr. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich nicht mehr zuschauen, rannte in Panik nach Hause und weinte mich bei meiner Mutter aus.

Als ich am nächsten Tag ängstlich, was mich erwarten würde, in den Stall kam, stand Rjómi in seiner Box, war die Ruhe selbst und begrüßte mich wie immer mit seiner Schnauze.

Die Stallbesitzerin war Gott sei Dank unverletzt und kam  ziemlich kleinlaut  auf mich  zu, nahm mich zur Seite und sagte. „Ich gebe auf, ich schenke dir Rjómi. Er taugt nicht viel, aber ich kann ihn auch nicht schlachten, das bringe ich nicht übers Herz.“

Nun war Rjómi mein Pferd – und mein erstes eigenes Pferd war gleich ein Problempferd! Das war mir jedoch egal! Ich muss jedoch zugeben, dass ich mit ihm auch nicht viel weitergekommen bin.

Aber ich liebte ihn trotzdem, verlangte nicht viel von ihm und legte nur kleine Strecken mit ihm zurück, zum Beispiel zu unserem Garten, wo er gerne graste. Wir hatten uns einfach sehr gern, das war alles, was zählte – und er hat mir nie etwas getan!

Aber leider hatte er durch sein traumatisches Erlebnis jenes Abends einen Knacks davongetragen, denn andere Menschen konnten sich ihm nicht mehr gefahrlos nähern.

Er versuchte sie zu treten und zu beißen, selbst auf Kinder ging er los! Nur meine Mutter, meine Freundin und mich ließ er noch in seine Nähe. Rjómi war zu einer Gefahr für alle anderen geworden, die mit ihm umgehen mussten.

Mit meinen elf Jahren war ich noch zu jung, um die Verantwortung für ein unberechenbares Pferd zu übernehmen, und so wurde er schließlich doch zum Schlachter gebracht. Das war ein furchtbarer Schlag für mich!

Noch heute, nach so langer Zeit, denke ich immer wieder an ihn und dann übermannen mich noch immer die Emotionen.

Ich frage mich auch, ob ich ihn heute mit meinem größeren Wissen reiten könnte – doch was kann ein zwölfjähriges Kind schon tun?

Aber eines ist sicher: Ohne ihn wäre ich den Weg, den ich gewählt habe, nie gegangen und die vielen schwierigen Pferde, die nach ihm gekommen sind, hätte ich dann nicht erlebt.

Denn nach ihm sollten mich immer die Pferde in ihren Bann ziehen, die eine längere Geschichte zu erzählen und die es deshalb schwer in ihrer Beziehung zum Menschen hatten.

Vielen von ihnen konnte ich, anders als meinem Rjómi, helfen, und so hat sein Schicksal einen Sinn  bekommen – und für mich lebt er dadurch irgendwie weiter! –

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