Ein sprachbegabter Islandhund in Kopenhagen

Ein Islandspitz, der 1870 mit seinem Herrchen von Reykjavík nach Kopenhagen reist, erlebt dort ein Abenteuer – und sein Herrchen eine Überraschung!


Wie die meisten von uns wissen, sind Hunde sehr treue Gefährten. Islandhunde stehen Hunden anderer Rassen weder in Treue noch in Intelligenz nach. Als ich einst von Island nach Kopenhagen reiste, habe ich meinen Hund Dóni mitgenommen. Es ist der intelligenteste Hund, den ich je kennengelernt habe – und auch der treueste.

Nachdem das Schiff angelegt hatte, begab ich mich direkt zu meinem Zimmer, dass sich in einem Hotel im ersten Stock befand.

Ich blieb nur kurz, denn ich hatte noch einiges zu erledigen. Den Hund wollte ich nicht mitnehmen, da er fremd in der Stadt war. Ich schloss ihn in meinem Zimmer ein und bat das Dienstmädchen ihn nicht aus dem Zimmer zu lassen.

Doch die Frau öffnete unglücklicherweise und ohne sich etwas dabei zu denken kurz darauf  das Fenster.

Als der Hund das sah, zögerte er nicht lange: Er sprang auf das Fensterbrett, von dort aus stürzte er sich etwa fünf Meter in die Tiefe und landete auf der gepflasterten Straße – er wollte mich wohl suchen.

Zum Glück hatte er sich nichts getan, jedenfalls schoss er  ohne zurückzublicken davon und reagierte auf kein Rufen. Wie zu erwarten, konnte er mich nicht finden.

Als ich abends in mein Zimmer zurückkehrte und erfuhr, was sich ereignet hatte, war ich mir sicher, dass ich Dóni nie wiedersehen würde. Doch am nächsten Vormittag brachte mir ein isländischer Student aus dem Studentenwohnheim Regentsen, wo sowohl isländische als auch dänische Studenten wohnten, den Hund.

Was war geschehen?

Am Abend zuvor waren zwei isländische Studenten  in der Stadt unterwegs gewesen und hatten sich auf Isländisch unterhalten. Da bemerkten sie einen Islandhund, der ziellos auf der Straße umherlief, bis er schließlich in der Nähe der beiden anhielt und sie anstarrte.

Die Studenten sprachen den Hund nicht an, sondern setzten ihren Weg nach Hause zum  Studentenwohnheim fort, ohne ihn weiter zu beachten. So bemerkten sie nicht, dass er ihnen unauffällig gefolgt war.

Am nächsten Morgen lag er vor der Tür, wo er wohl die Nacht verbracht hatte. Da der Hund noch nie zuvor in Kopenhagen gewesen war, konnte er unmöglich wissen, wo dort isländische Studenten wohnten.

Auch hatte er keinen der beiden vorher gesehen und kann sie daher nicht gekannt oder gar lieb gewonnen haben.

Wie konnte es dann sein, dass der Hund aus all den Menschen auf der Straße in Kopenhagen sich genau diese  beiden ausgesucht und entschieden hatte gerade ihnen zu folgen?

Offensichtlich hatte er die isländische Sprache aus den anderen Sprachen auf der Straße herausgehört und sich entschieden denjenigen zu folgen, die die Sprache sprachen, die ihm vertraut war.

Vielleicht ist es zu weit hergeholt zu vermuten, dass er es in der Hoffnung getan hat, mich so zu finden. Aber sicher kann man sagen, dass er den Tonfall der Sprache erkannt und viele Wörter verstanden hat, was eine Begebenheit beweist, die sich später auf Island zugetragen hat:

In einem Gespräch über ihn, in dem es um einen von ihm begangenen Fehler ging, schämte er sich offensichtlich, denn als sein Name fiel, kroch er in eine Ecke und versteckte sich dort, obwohl keiner ihn angeschaut hatte oder es andere Anzeichen dafür gab, dass man über ihn gesprochen hatte – der Hund hatte die Unterhaltung ganz offensichtlich verstanden! Die damaligen  Studenten sind heute Beamte und leben auf Island. Sie können beide bestätigen, dass die Erzählung wahr ist.

Entnommen aus dem Artikel „Behandle die Tiere gut“, (Originaltitel „Farðu vel með dýrin“ Dýravinurinn, 2. Jahrgang 1887, 2. Heft, S. 31-33)

Die Geschichte ist möglichst textgenau aus dem Isländischen übertragen worden, um ihren Charakter nicht zu verändern.

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2 Responses

  1. Was für eine tolle Geschichte!
    Auch Pferde sind „Sprachenkenner“:
    Wir haben im Stall einen älteren Islandwallach, der auf einem französischen Hof geboren wurde. Jedesmal, wenn Jemand Französisch spricht, wird er ganz aufgeregt und sucht dessen Nähe.
    Liebe Grüße,
    Birgit

    1. Liebe Birgit,
      das ist ja spannend! Vielleicht könntest du über diesen Wallach eine Geschichte schreiben? Und vielleicht haben ja auch andere was Ähnliches erlebt?
      Mich würde das jedenfalls total interessieren!
      Liebe Grüße
      Monika

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