Stígandi frá Kolkuósi

Wer erinnert sich an Stígandi frá Kolkuósi, einen der Stammhengste von Heidi Schwörer? Sicher ist er dem ein oder anderen als Ausnahmehengst im Gedächtnis geblieben, als Spitzenvererber, als Vater von vielen schönen Nachkommen. Dass das zunächst ganz anders aussah, werden die wenigsten wissen.


Um seine Jugend auf Island ranken sich viele Geschichten, die alle darauf hinauslaufen, dass diesem Pferd wohl keine Erfolgsstory beschieden sein würde, oder vielleicht noch etwas dratischer ausgedrückt – dass ihn niemand wollte – noch nicht einmal geschenkt! Und doch war es so, wie Heidi uns berichtet, und ihre Erzählung deckt sich mit dem, was Anders Hansen in seinem Buch „Svaðastaðahrossin, uppruni og saga, Band II, S. 32-34“ festgehalten hat.

Tatsache ist, dass der junge Hengst, der 1962 auf Kolkuós im Norden Islands geboren und erstmalig 1966 auf dem Landsmót in Hólar gerade erst 4-jährig vorgestellt wurde, zunächst keine besondere Beurteilung bekam – im Gegenteil:

„Schwer gebauter Fünfganghengst mit viel Behang, wenig ausgebildet und unkooperativ“, lautete der Richterspruch mit folgenden Noten: Exterieur 8,0, Reiteigenschaften 7,40, Gesamtnote: 7,70

Was hat ein Hengst, der in jungen Jahren mit einem solchen Urteil versehen wird, für eine Zukunft? Kann ein erster Eindruck korrigiert werden? Für Stígandi schien das schwer, wie sich erneut auf dem Landsmót auf Hólar zeigen sollte, diesmal aber ganz anders als in Form eines Richterspruchs.

1966 hatten sich die Organisatoren des Landsmóts etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die beliebte Veranstaltung noch attraktiver zu gestalten und noch mehr Zuschauer anzuziehen:

Eine Tombola mit einem Hengst als Hauptgewinn sollte ein zusätzliches Highlight sein, und dieser Hengst war kein anderer als

Stígandi frá Kolkuósi!

Doch diese tolle Idee wurde zum Flopp. Während der Ziehung der Lose zog ein kräftiges Unwetter auf, das von einem heftigem Sturm begleitet wurde. Es wird natürlich für immer ein Geheimnis bleiben, ob das Los mit Stígandi als Hauptpreis von Wind davongeweht wurde oder ob der Gewinner kein Interesse an seinem Preis hatte.

Fakt ist: Keiner kam, um Stígandi abzuholen! So kaufte Sigurmon Hartmannsson, der Züchter und Vorbesitzer, seinen Hengst einschließlich Trense und Sattel, beides Teil des Preises, wieder zurück.

Einige Zeit später wechselte Stígandi erneut den Besitzer. Er ging an einen Zuchtverband im Norden Islands. Als der Verband aufgelöst wurde und die 7 Hengste im Besitz des Verbandes aufgeteilt wurden, fand sich erneut kein Interessent für Stígandi.

So kaufte Sigurmon seinen Hengst ein zweites Mal zurück. Doch da er bereits dessen Vater, Hörður 591 frá Kolkuósi, als Stammhengst in der Zucht hatte, bestand für ihn kein Bedarf für den zweiten Althengst und er verkaufte Stígandi 1974 nach Deutschland, da ja ganz offensichtlich im eigenen Land keine Interesse an diesem Pferd bestand.

War das Desinteresse an ihm berechtigt? Zugegeben, auf dem Landsmót 1966 hatte er nicht überzeugt und 1970 konnte er diesen Eindruck auf dem Landsmót in Þingvellir nicht wettmachen (Exterieur: 7,60, Reiteigenschaften: 7,67, Gesamt: 7,67). Erneut wurde Stígandi auf dem Vierteltreffen in Skagafjörður 1972 vorgestellt, dieses Mal begleitet von seinen Nachkommen (5 Stuten, 1 Hengst). Auch hier erzielte er ein enttäuschendes Ergebnis, denn er bekam nur den 2. Preis für seine Nachzucht.

Stígandi frá Kolkuósi 1972 auf dem Vierteltreffen in Skagafjörður

Auf dem Kontinent konnte er endlich seine Qualität als Deckhengst unter Beweis stellen. Von Deutschland aus ging es in die Schweiz, und auch dort wurde er einige Jahre sehr erfolgreich in der Zucht eingesetzt.

Doch auch hier sollte er auf Dauer nicht bleiben können. Erneut wurde er zum Verkauf angeboten. Dass Heidi ihn erwarb, sprach sich in der deutschen Szene wie ein Lauffeuer herum und wurde von vielen – offen oder hinter vorgehaltener Hand – nicht gerade freundlich kommentiert. Ein in die Jahre gekommener Hengst mit seinen inzwischen 19 Jahren! Alte Geschichten wurden vorgekramt, neue kamen hinzu.

Heidi ließ sich nicht beirren und stellte 35 Stuten zu ihm. Keinen einzigen Deckakt konnte sie beobachten, was sie, wie sie sich erinnert, ziemlich nervös werden ließ, aber letztendlich hat Stígandi auch hier seine Aufgabe perfekt erfüllt: Alle Stuten brachten ein gesundes Fohlen zur Welt.

Heute besteht  kein Zweifel daran, dass Stígandi frá Kolkuósi zu den Ausnahmehengsten gehört und man muss sich fragen, warum lange niemand erkannt hat, was in ihm steckt.

Quellen:
Heidi Schwörer. 2018, mündliche Informationen.

Anders Hansen. 1989
Svaðastaðahrossin, uppruni og saga, II. bindi, Seite 32-34.

Besonderen Dank an Kristinn Hugason, Leiter des Isländischen Pferdemuseum für Bildmaterial.

STÍGANDI FRÁ KOLKUÓSI

ABSTAMMUNG

Geboren:           Island 1962
Gestorben:       Deutschland 1992
Farbe:              Rappe ohne Abzeichen

Vater:       IS1957158589 Hörður 591 frá Kolkuósi
Mutter:    IS19ZZ258033 Jörp frá Kolkuósi

BLUP-ZUCHTWERT

Exterieur: 102, Reiteigenschaften: 98, Gesamt: 99

Auf den ersten Blick scheinen die BLUP-Werte von Stígandi sehr niedrig zu sein. Vergleicht man diese mit den BLUP-Werten anderer Hengste seiner Altergruppe (Geburtsjahr 1960-1965), sieht die Sache anders aus. Dann steht er zusammen mit seinem Halbbruder IS1960158380 Þokki frá Viðvík an der Spitze mit einem Gesamt-BLUP-Wert von 99.

FAKTEN ÜBER DIE NACHKOMMEN

Insgesamt 359 Nachkommen von Stígandi frá Kolkuósi sind in WorldFengur (www.worldfengur.com) eingetragen. Davon sind;

258 auf Island, 49 in der Schweiz, 50 in Deutschland und 2 in den Niederlanden geboren.

 BERÜHMTE NACHKOMMEN

Zwei Nachkommen mit relativ großer Bedeutung für die heutige Zucht sind zu erwähnen. Es sind

CH1976101392 Þór vom Sporz

IS1971258589 Þerna frá Kolkuósi

ÞÓR VOM SPORZ

Zu den erfolgreichsten Nachkommen von Stígandi gehört sein Sohn „Þór vom Sporz“ aus der Stute Perla frá Kolkuósi. Dieser war sowohl in der Zucht, als auch bei zahlreichen Sportwettbewerben erfolgreich. Weiterhin ist Þór der Vater von „Týr vom Rappenhof„, einer der bekanntesten Hengste aller Zeiten aus der deutschen Zucht. Týr wurde ebenfalls über seine Erfolge als Sport- wie auch als Zuchttpferd weltweit bekannt.

ÞERNA FRÁ KOLKUÓSI

Die Stígandi -Tochter „Þerna frá Kolkuósi“ wurde zunächst 5-jährig, dann 6-jährig materialgeprüft. Sechsjährig erreichte sie folgende Noten: Exterieur: 8.00, Reiteigenschaften: 8.03, Gesamtnote: 8,02. Sie ging anschließend nicht in den Sport, sondern wurde sofort auf dem Landesgestüt Hólar in der Zucht eingesetzt.

Ihr erster Nachkomme war gleich ein Volltreffer!!! Ihre Tochter Þrá frá Hólum (Vater: Þáttur frá Kirkjubæ) ist eine Legende. Sie erzielte 4-jährig auf dem Landsmót 1982 folgende Traumnoten: Exterieur: 8.50, Reiteigenschaften: 8,45, Gesamnote: 8,48.  Schade, dass diese herausragende Zuchtstute nie wieder gezeigt wurde, aber sie brachte dem Gestüt Hólar 15 Nachkommen und den Ehrenpreis für Nachzucht.

Quelle: www.worldfengur.com, 2018

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